Hagar Pressen von Dingler

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(Zweibrücker Industriekultur, Klaus Meissner, August 2025, ergänzt Februar 2026)

Die (in Europa) als Hagar Presse bekannt gewordenen Tiegelpresse wurde von dem Möbelschreiner John J. Wells (1769 - 1832) aus Hartford (Connecticut) entwickelt.

wells_presse.jpgWells hatte Farben für Möbel angefertigt und sich ab etwa 1797 erfolgreich auf das Herstellen von Farben und Tinte spezialisiert. Er begann außerdem Farbe für einen Drucker in Hartford herzustellen. Für die Farben wurde Leinöl als Bindemittel der Pigmente verwendet, das Wells mit einer Presse mit Kniehebelmechanik presste. Aus der Leinölpresse entwickelte er - nach Versuchen mit Kniehebeln in hölzernen Rahmen - die ganz aus Eisen bestehende Kniehebel Druckerpresse1)2), die durch Dingler in Europa als „Hagar Presse“ bekannt werden sollte. Die Konstruktion hat Wells sich durch das Patent USX30703) vom 08.02.1819 schützen lassen4), das Bild zeigt die erste Ausführung der Presse.

Die Hebel, die zusammen das „Knie“ bilden, sind gleichlang, Maße können dem Patent entnommen werden. Der Betätigungshebel (Bengel) ist bei den ersten Modellen auf der von dem Drucker abgewandten Seite angeschlagen, und der Tiegel wird durch ein Gewicht über eine eigentümliche Anordnung angehoben, sobald der Hebel nicht mehr betätigt wird. Hebelanordnung und Tiegelrückstellung wurden bei späteren Modellen verbessert.

Das Patent von Wells wird im Polytechnischem Journal von 18215) erwähnt, der Herausgeber Johann Gottfried Dingler ist Christian Dingler's Onkel. Nach ausführlichem Studium der Wells'schen Pressen erhielt Peter Smith 1822 ein US-Patent und baute sehr erfolgreich die Wells Presse nach, dabei wurden lediglich die Krafteinleitung in das Gelenkknie und die Rahmenform geändert.

Warum aber wurde diese Kniehebel Presse als Hagar Presse bekannt?

Hagar (a.a.O. auch Hager6)) war ein Schriftgiesser aus New York, der u.a. auch mit Druckerpressen von Smith handelte. Über ihn bezog Christian Dingler eine Kniehebel Presse, aber warum bezieht er sie nicht direkt vom Hersteller Wells oder Smith?

Es ist nicht auszuschliessen, dass Dingler den Weg über einen Händler wählte, da amerikanische Produzenten aus gutem Grund Bedenken hatten, ihre Maschinen an Europäer zu verkaufen. Es war bekannt, dass Europäische Hersteller - mangels Patengesetzen in vielen Ländern Europas - die Maschinen direkt nachbauten (siehe hierzu die Geschichte des schweizerischen Patentgesetzes in Geschichte des Patentrechts). Der Buchdrucker Wilhelm Hasper aus Karlsruhe berichtet7) über die „von Hagar erfundene Presse“, die er in New York angesehen hat, von der Dingler ein Exemplar bekommen hat und prophezeit der Bauform eine große Zukunft!

Christian Dingler liefert die Presse, die er selbst Hagar Presse nennt, ab Januar 1836 (12 Stück) und plant für den Februar die Lieferung von 14 Stück8). Er hat erst im März 1843 eingeräumt9), das Hagar der Händler war, ohne aber den eigentlichen Erfinder zu nennen.

Keinesfalls hat Dingler die Kniehebel Presse erfunden!

ASCIIDinglers Hagar Presse war recht erfolgreich, da sie leichtgängig mit hohem Wirkungsgrad war und einfach im Aufbau war. Sie wurde aber auch von anderen Herstellern angeboten (z.B. als Haagar Presse von Gross aus Stuttgart, von Schweiger aus Braunschweig und auch durch den Zweibrücker Mechanikus Carl Roth).

Das Bild10) zeigt eine Angebotszeichnung von Dingler, Originale dieser Pressen von Dingler sind z.B. im Gutenbergmuseum in Mainz und im Haus der Industriekultur in Darmstadt (Hess. Landesmuseum) zu sehen.

Anders als Wells oder Smith verwendet Dingler keinen geschlossenen Gußrahmen, sondern zwei geschmiedete Zuganker, die sich innerhalb der kannelierten (hohlen) Säulen befinden. Dieses Design wurde in Europa in ähnlicher Form erstmals von Cogger (UK) gezeigt und in Amerika von Samuel Rust am 17.04.1829 patentiert.

Woran sich Dingler bei dem Rahmen seiner Presse orientiert hat ist nicht bekannt, Dingler bietet zu der Zeit auch Cogger Pressen aus seiner Werkstatt an.

Der aufgelöste Rahmen erlaubt einen einfachen Transport, Teile des Rahmens können vorproduziert werden und der neue Mechanismus sorgt für eine sehr leichte Konstruktion!

Die Zeichnung verbirgt die rückwärtige Stütze des Gelenks an der Verbindung beider Hebel, die Stütze, die sicherstellt, dass sich die Hebel auf einer Fläche bewegen und nicht ausknicken. Wir können nur vermuten, dass der Zeichner diese Perspektive gewählt hat, da das Bild „aufgeräumter“ wirkt und zudem dieses wichtige Detail nicht direkt für jedermann sichtbar wird.

1)
Ralph Green, Works of Ralph Green (Ye Olde Printery, 1981)
2)
Joan Boudreau, „John Wells: Hand Press Innovator“, American Printing History Association, 25. Februar 2016
3)
Ein Feuer hat 1836 große Teile der Bestände des US-Patentamtes (Dokumente und Modelle) vernichtet. Soweit Patentakten erhalten waren, restauriert wurden oder als Zweitschriften dem Patentamt zur Verfügung gestellt wurden, erhielten sie eine Nummer und wurden als „X-files“ registriert.
4)
Ausführliche Informationen in Joan Boudreau, „John Wells: Hand Press Innovator“, American Printing History Association, 25. Februar 2016
5)
Johann Gottfried Dingler, Polytechnisches Journal 05, Bd. 5 (Cotta, 1821)
6)
Interessanterweise ist die Schreibweise des Namen in einer Anzeige der New York Tribune „Hager“. NY Tribune vom 03.06.1841 S.3 linke Spalte
7)
Wilhelm Hasper, Handbuch der Buchdruckerkunst, D.R. Marx’sche Buchhandlung, Carlsruhe 1835
8)
Johann Heinrich Meyer, Journal für Buchdruckerkunst 1836, 1836 No. 2, Sp. 40ff.
9)
Johann Heinrich Meyer, Journal für Buchdruckerkunst 1843, 1843 No. 3, Sp. 35
10)
StAAG_ZW_2004-0027_1460 (19a)